Blog #015 – Fortsetzung


Es gibt zwei Sorten von Klimawandel

Aber beide – Klima- und Coronakrise – sind sich ähnlicher, als es uns bewusst ist. Das hochinfektiöse Virus, das sich – anders als alle andere Virenfluten vorher: Sars, Mers, Honkong etc. – in sechs Wochen rasend schnell über die Welt verteilt hat, ändert jede Atmosphäre zwischen Menschenansammlungen. Gerade die Geselligkeitsformen, die wir lieben: Kneipen, Clubs, Volksfeste, Rock- und andere Konzerte, Karneval, Sportmassenveranstaltungen, Berghütten, Kreuzfahrtschiffe etc., lassen die Menschen laut reden, oft singen und schreien, was die virenbesetzen Tröpfchen aus dem Mund weit schleudert und bis zu 8 Minuten in der Luft schweben lässt. Redet man leise, weniger. Beim Tanzen berühren sich häufig die Körper. Wenn dann noch Alkohol und Drogen dazu kommen, erhöht sich die Auswurfintensität. Der Luftraum zwischen den aufgeheiterten Horden ist virengeschwängert. Es braucht nur ein Infizierter dabei sein, schnell ist ein Hotspot entstanden. Wir haben es mit einem ‚kleinen Klimawandel‘ zu tun: mit einer mikroklimatischen virösen Atmosphäre.

Nun ist das nicht das große Wetter, sondern durch künstliche Räume menschenerzeugtes Klima zwischen Menschen. Aus beiden Sorten von Klimawandel erwachsen uns Anforderungen, die wir im Virusklimafall mit social distancing zu lösen versuchen.

Aus Miteinander wird Nebeneinander

Das allerdings ist ein massiver Eingriff in unsere kulturellen und sozialen Gewohnheiten: sich nicht mehr begrüßen zu dürfen durch Körperkontaktgesten, nicht mehr eng beieinanderhocken zu dürfen, oder eng gepfercht an der Bar zu stehen oder zu tanzen, mit 40.000 Fans zugleich in großen Fußballarenen, die ja architektonisch schüsselförmig sind, also einen großen Aerosolträgerraum schaffen, nicht mehr schreien und brüllen zu dürfen (mit heftigsten Lungenausstoßungen). Mit durchschnittlich 2 Meter Abstand haben wir kein Geselligkeitsgefühl, keine warme Wohlfühlung, die Kultur des Miteinander hört auf. Und wird eine Kultur des Nebeneinanders, die wir als emotional minderwertig betrachten, gleichsam ‚unmenschlich‘.

So wie wir für die klimatischen Folgen der Industriekultur bereits einen eigenen Namen haben: Anthropozän, so sind die Pandemien Folgen ähnlicher Konstellation. Nicht die Herkunft von Tieren sind das Entscheidende, sondern ihre Verbreitung durch eine global economy, in der Millionen Menschen täglich in Flugzeugen reisten (eng beieinandersitzend, mit Lüftungssystemen, die die Viren zirkulieren lassen). Für das Virus ist die menschliche Nähe ein extraordinäres Medium, sich zu vermehren, und nur Isolation mindert seine Produktivität (ohne es auszurotten; es ist, wahrscheinlich dann sogar mutant, immer wieder ausfaltungsfähig). So wie die CO2-Produktion die großen Wetter beeinflusst, gleichsam chemo-physikalisch, so beeinflusst das Virus die menschlichen Atmosphären, gleichsam bio-physikalisch (über die Schwebungen der Aerosole in der Luft, und über die Speichelauswurfphysik).

Wir werden uns an das Virus anpassen, nicht umgekehrt

Das Virus und seine pandemische Ausbreitung sind natürliche Tatsachen – das Virus ist Natur! -, mit denen zu leben wir lernen werden. Die Metapher von der Bekämpfung des Virus täuscht darüber hinweg, dass es nicht besiegt werden kann; nur ein anderer Umgang miteinander in sozialen Gesellungen wird seine Ausbreitung mindern oder sehr einschränken. Unser Verhalten werden sich anpassen müssen: sozial distanzierter, Vermeidung von Hotspots, die gesamte Gesellungskultur steht auf dem Prüfstand. Das Mensch-Natur-Verhältnis, das wir bisher zu Wäldern, Walen und Fröschen neu definieren wollten, wird auch die Anerkennung der Viren umfassen. Erst wenn wir lernen, mit dem Virus zu leben, sind wir‚ im Einklang mit der Natur‘. Und das bedeutet, dass wir unser soziales Verhalten, unsere kulturellen Muster, anpassen. Ich überlege mir, um die Idee eines Beispiels zu geben, ob ich jemals noch jemandem noch die Hand geben werde. Man kann auch anders grüßen.

Die dispositive, fortwährende, oft dann latente, Präsenz des Virus – immer wieder neue Wellen, Mutationen, die dann die erforschten Impfstoffe doch nicht passgenau genug wirken lassen, neue Viren, Bakterien, Pilze etc. – wird unsere Lebensform genauso ändern, wie es die Entdeckung des Bakteriums seit dem 19. Jahrhundert getan hat (Hände waschen, überhaupt mehr waschen, Wäsche kochen, nicht mehr in der Gegend herumspucken, sondern ins Taschentuch, Wasser abkochen, wenn die Herkunft unbekannt ist etc.). Die Neukultivierung, die wir zivilisatorisch und kulturell längst vollzogen haben, zeigt den Pfad, auf dem wir mit dem Virus gehen werden. Auch das Bakterium wurde nicht ‚besiegt‘, sondern mit ihm umzugehen eingeübt.

Die Latenz des Ausbruchs neuer Virenepidemien liegt an unserer postindustriellen Gesellschaft: wir leben besser als je zuvor, haben Überbevölkerungen, die wesentlich in ungeheuer ausgewachsenen Städten leben, zu absolut unhygienischen Bedingungen, in hoher Dichte. Neben der Mobilität des weltweiten Verkehrs. Nicht das Vorkommen solcher Viren ist entscheidend, sondern die soziale Dichte, die die Übertragbarkeit erst herstellt, um dann um die Welt zu rasen. Das sind die Klimabedingungen der Virenatmosphären.

Was uns an neuer zivilisatorischer Anforderung bevorsteht, kann wegen der Armut und der sozialen Dichten kaum allgemein erreicht werden. Wie will man in den Armutszonen der Welt, in denen ganze Familien in einem Raum leben, die notwendige Isolation herstellen? Wie kann man die Schwächen der Immunsystem dieser, oft hungernden, Menschen, ihre dadurch höhere Gefährdung, anders aufheben als durch bessere Ernährung und Gesundheit? Wer aber wird das dort durchsetzen wollen? Wenn wir impfen können werden, dann natürlich erst in den zahlungsfähigen Wohlfahrtsregionen der Welt. Aber die Impfungen richten sich gegen die vorhandenen Viren, nicht gegen die neuen, die Mutationen und jeweils anderen möglichen Viren.

Die Virus-Pandemie ist so global, wie der Klimawandel

Wir leben vielerorts in mikroklimatischen Atmosphären, die ideale Brutstätten der Virenproduktivität sind. Das ist eine Form der kulturellen Klimaänderung, die wir nur durch Anpassung beantworten können (und impfend Hinterherausrotten, was niemals vollständig sein wird).

Was wir in unserer Wohlfahrtszone eindämmen können, bleibt in den armen Weltgegenden latent ausbruchsbereit, also auch dann wieder uns – rückwirkend – betreffend. Gerade weil wir weltweit vernetzt sind, bleiben die Übertragungswege offen. Die Virus-Pandemie ist ein globales Phänomen, wie der Klimawandel. Nicht nur Wüste, Wasseranstieg und Orkane kommen auf die Welt zu, sondern eben auch Viren, die nicht die Erde, sondern uns besiedeln. Wir – unser Körper – sind der Äcker, die die Viren brauchen, um zu leben. Für die Viren sind wir die ideale Natur. Wenn wir sie nicht vollständig ausrotten können, wie wollen wir mit ihnen leben?

Die Antwort kann nur eine Art neuer Umgangsformen miteinander sein, die die Produktionsbedingungen der Viren schmälern. Wir schränken dann ihre ökologische Nische ein. Die Form von Ökopolitik gegenüber den Viren kann nur als Kulturpolitik stattfinden. In der Form künftiger höherer Distanziertheit und Achtsamkeit. Was scheinbar fremd klingt, haben wir in den social media des Internet schon längst geübt: virtuelle Kontakte, virtuelle friendships und Gesellungen. Es sind virenfreie Kommunikationsformen (wie wir in der Coronakrise an Schulen und Hochschulen begegnungsfreie Kommunikation über Zoom üben). Ist es zu abgehoben, darüber nachzudenken, dass die Digitalisierung vielleicht ein Segen ist, der uns hilft, die neuen distanten kulturellen Formen zu entwickeln?

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