Blog #018 – Fortsetzung


Ein Weg, dem beruflichen Hamsterrad zu entkommen, ist es, im Beruf kürzer zu treten. Das kann durch ein Sabbatical geschehen, durch eine Kündigung oder das Eintauschen einer Führungsposition gegen eine Stelle ohne Personalverantwortung. Diesen Schritt zu gehen, ist allerdings nicht leicht. Einen Karriererückschritt –— auch „Downshifting“ genannt — bringen wir schnell mit dem Aufgeben, Scheitern oder gar Versagen in Verbindung. Dabei ist er das keineswegs, sagen Experten.

Die Arbeitssoziologin Julia Gruhlich definiert Downshifting als freiwillige Entscheidung zu einer beruflichen Veränderung, die mit weniger Gehalt und/oder Prestige einhergeht. Sie hat eine qualitative Studie zu dem bislang kaum erforschten Thema erstellt und 24 Interviews mit Menschen geführt, die diesen Schritt gegangen sind.

Dabei stellte sie fest: Das Phänomen betrifft keine spezifische Zielgruppe, sondern zieht sich durch alle Altersgruppen, Beschäftigungsbereiche, Positionen und Branchen.

Die 3 Hauptgründe für den bewussten Karriererückschritt

Downshifter sind keine Menschen, die lange und sorgfältig ihren Karriererückschritt geplant haben. Sie gehören also nicht zu den Leuten, die beispielsweise mit Anfang 20 planen, mit 30 in Rente zu gehen. Es sind Menschen, die eine Entscheidung treffen mussten, weil sie seit geraumer Zeit einen Leidensdruck verspürt haben — und wussten, dass sich etwas ändern muss. Hier die drei Hauptgründe für den bewussten Karriererückschritt.

1. Mangelnde Vereinbarkeit von Beruf und Familie.

Ende 2019 sorgte Andreas Utermann, Chef des Vermögensverwalters Allianz Global Investors, für Schlagzeilen. Er verließ seinen Posten als CEO, um seiner Frau zu ermöglichen, wieder voll berufstätig zu sein.

Etwas Ähnliches tat ein Projektmanager, mit dem Gruhlich für ihre Studie gesprochen hat. „Er sagte: ,Ich habe zwei Kinder, meine Frau verdient gut und ich bin mit meinem Job zufrieden — aber das kann nicht alles gewesen sein, ich möchte mehr Zeit für die Kinder haben’“, erinnert sich die Soziologin. „Er ist dann für zwei Jahre in Elternzeit gegangen und hat sich in der Zeit überlegt, dass er nicht zurück in den Job möchte, weil er nicht vereinbar ist mit dem, was er sich als Vater vorstellt. Er hat sich für Selbstständigkeit entschieden und ist Imker geworden. Die Frau ist Haupternährerin und er findest es entlastend.“

Auch Studienteilnehmerinnen und -teilnehmer, die noch keine Kinder hatten, aber welche haben wollten, berichteten, beruflich einen Schritt zurückgegangen zu sein, da sie wussten, dass es in ihrem Job perspektivisch nicht möglich sein würde.

2. Belastung, Überforderung und Burnout.

Das Thema Burnout ist heute relevanter denn je. Viele Downshifter sind Menschen, die aus arbeitsbedingten Gründen gesundheitlich eingeschränkt sind. „Das, was wir uns eigentlich wünschen, wenn wir in festen Strukturen stecken — über unsere Arbeitszeit entscheiden zu können, über unseren Arbeitsort und über die Ausgestaltung der Tätigkeit als solche — hat auch seine Kehrseite“, sagt Gruhlich.

Sinnbildlich dafür sei die Projektarbeit. Betroffene aus der Branche, mit denen sie sprach, leiteten Projekte, kleine Arbeitsgruppen und Bereiche — und waren zunehmend überfordert von der Flexibilität, die damit einherging. Denn mit ihr kam ein Zwang: Sie mussten immerzu woanders sein, auf Knopfdruck kreativ sein, mussten ständig sich, ihr Produkt und ihr Unternehmen verkaufen. Ihre Arbeitszeit wurde nicht kontrolliert, dafür aber ihre Leistung, unter anderem anhand von Deadlines und der Anzahl abgeschlossener Projekte. „Das ist das, was sie als besonders belastend erfahren haben: Dieser ständige Druck, diese ständige Freiheit, auch diese Entgrenzung, selbst für die Grenzen von Arbeitszeit und Arbeitsort verantwortlich sein zu müssen. Aber immer das Gefühl zu haben, man hat vielleicht noch nicht genug geleistet.“

Eine ihr bekannte Projektmanagerin habe ihren Job inzwischen aufgegeben — und sich für eine Stelle in einem Callcenter entschieden, sagt Gruhlich. Dort verdiene sie weniger als die Hälfte von ihrem vorherigen Gehalt. „Aber sie hat feste Arbeitszeiten und ist fremdgesteuert. Das, was man an diesem Job eher kritisiert, hat sie plötzlich aus dieser Perspektive heraus positiv gefunden.“

3. Ethische Anforderungen, die im Job nicht erfüllt werden.

Kennzahlen, Gewinne und Profit rücken in vielen Berufen immer mehr in den Vordergrund. „Das finden einige problematisch, die hohe berufsethische Anforderungen an ihren Job haben“, sagt Gruhlich. „Sie möchten ihre Arbeit richtig gut machen, spüren aber ständig, dass es nicht funktioniert, weil der Arbeitgeber ganz andere Prioritäten setzt. Und darunter leiden sie zunehmend.“

So habe Gruhlich zum Beispiel mit einer Ärztin gesprochen, die schon während ihrer Ausbildung bemerkte, dass die Gesundheit der Patientinnen und Patienten nicht im Vordergrund stand. Sie brach die Ausbildung ab, zog nach China, wo ihr Freund wohnte, und studierte dort weiter Medizin. Später kam sie nach Deutschland zurück und machte sich mit einer eigenen Praxis für chinesische Medizin selbstständig. Dort arbeitet sie gerade so viel, dass es finanziell für sie ausreicht, und nimmt nur so viele Patienten auf, dass sie das Gefühl hat, dass sie jedem Einzelnen gerecht werden kann.

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