Blog #057 – Fortsetzung


Was genau ich meine, würde anhand einer Lebensregel erklären, die vor gut 1500 Jahren der heiligen Benedikt auf dem Monte Cassino verfasste. Teil dieser Regel ist ein Kapitel, in dem beschrieben wird, wie die für eine Gemeinschaft geltenden Entscheidungen so herbeigeführt werden, dass alle sie mittragen.

Die Kernfragen, die ich aus diesem Kapitel abgeleitet habe, lautet: Wie treffen wir Unternehmen Entscheidungen und wie regeln wir Beteiligung? Um sie zu beantworten, habe ich einige alte Zeilen modernisiert und in die Praxis übertragen. Sie lauten:

„Sooft etwas Wichtiges im Kloster zu behandeln ist, soll der Abt die ganze Gemeinschaft zusammenrufen und selbst darlegen, worum es geht.“ (RB 3,1)

„Er soll den Rat der Brüder anhören und dann mit sich selbst zu Rate gehen. Was er für zuträglicher hält, das tue er. Entscheidung liegt im Ermessen des Abtes.“ (RB 3,2)

„Dass aber alle zur Beratung zu rufen seien, haben wir deshalb gesagt, weil der Herr oft einem Jüngeren offenbart, was das Bessere ist.“ (RB 3,3)

„Tu alles mit Rat, dann brauchst du nach der Tat nichts zu bereuen.“ (RB 3,13)

Die vorgenannten Regeln beschreiben in einer etwas antiquierten Sprache, wie Entscheidungen im Kloster getroffen werden. Die für uns wirklich entscheidende Aussage ist die letzte: „Tue alles mit Rat, dann brauchst du nach der Tat nichts zu bereuen.“ Ich finde, er hat elementare Bedeutung.

Die Stärke dieser Regeln werden schnell klar: Sie machen aus Betroffenen Beteiligte, und somit sind sie für uns zu einer tragenden Säule unseres Gedankens „Wertschöpfung durch Wertschätzung“ geworden. Erst mit Beteiligung entsteht Vertrauen und damit auch die Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen.

Wie passt das zu einem einzelnen Entscheidungsträger?

Wie aber passt das mit dem „Entscheidungskapitel“ der Benediktsregel zusammen? Aus ihm geht nämlich auch hervor, dass einer und nicht die Gemeinschaft die Entscheidung trifft. In der Regel hat zunächst der Abt die Autorität, Entscheidungen zu treffen, aber eben nicht, ohne die Weisheit der Gemeinschaft dabei zu würdigen.

Übersetzt für jedes Unternehmen: Führung bedeutet, dass einer eine konkrete Entscheidung trifft. Das muss nicht immer eine Führungskraft sein. Ich habe in meinem Berufsleben durchaus auch Bereiche kennengelernt, die ohne eine solche sehr gut funktionieren. Aber auch dort haben sich die Mitarbeiter im Team konkrete Rollen und Themenbereiche zugesprochen, in denen sie entscheiden. Es geht darum, in einer Angelegenheit, bei einer Thematik, einem Projekt oder einer Aufgabe jemanden zu identifizieren, der eine finale Entscheidung trifft, damit Verantwortung trägt und dem Team den Rücken stärkt. Keine Entscheidung – keine Entwicklung.

Wer auch immer es ist, es muss festgelegt werden, wer in einer Sache entscheidet. Und zwar für alle Beteiligten verbindlich! Entscheidungsträger kann auch ein Gremium sein – übertragen auf die Politik zum Beispiel der Bundestag.

Wichtig ist also Beides: Einerseits, dass ein klarer Entscheidungsträger benannt ist. Andererseits aber auch, dass dieser sich gut beraten lässt und anschließend die Verantwortung für seine Entscheidungen trägt. Nur dann kann Führung funktionieren. Im Falle des Infektionsschutzgesetzes dürfte es also nicht reichen, wenn die Bundesregierung bestimmte Entscheidungskompetenzen einfach an sich zieht. Sie muss ebenfalls glaubwürdig machen, dass sie vor ihrer Entscheidung genügend Stimmen gehört hat. Und sie muss anschließend auch ihre Kompetenzen nutzen: eine klare Entscheidung treffen, diese verteidigen und dafür gerade stehen.

Wer nicht entscheiden kann, kann nicht führen

Eine Voraussetzung für gelebte Führung ist es, Entscheidungen zu treffen. Wer keine Entscheidungen trifft, der führt nicht. Weder sich noch andere. Also ist eine wichtige Aufgabe der Führungskraft, Klarheit zu schaffen, damit Entscheidungen überhaupt getroffen werden können. Das ist ein hoher Anspruch. Denn wenn es Alternativen gibt und ich die Aufgabe habe, mich für eine zu entscheiden, muss ich auf alle anderen verzichten. Im Umkehrschluss heißt das: Eine der wichtigsten Voraussetzungen dafür, dass ich überhaupt Entscheidungen treffen kann, ist die Fähigkeit, auf etwas verzichten zu können. Wer nicht verzichten kann, kann nicht entscheiden. Und wer nicht entscheiden kann, kann nicht führen.

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