Blog #091 – Fortsetzung


Es scheint, als seien Angst und Worst-Case-Szenarien und damit Vorsicht und Risikoaversion besonders in der aktuellen Situation die vorherrschenden Kulturmerkmale. Die Pandemie intensiviert unsere Ängste. Prepper-Mentalität und Hamsterkäufe spiegeln wider, dass mit dem Schlimmsten zu rechnen ist und man immer besser daran tut, vorzusorgen, um für alle katastrophalen Eventualitäten und Gefahren (die sich die Angst gerne ausmalt) gewappnet zu sein. „Better safe than sorry“. Was auch immer es ist, wovor wir Angst haben – soziale Bloßstellung, Misserfolg oder Gesichtsverlust, Angst vor Liebesentzug, Einsamkeit oder Unfrieden, Furcht vor körperlicher oder psychischer Versehrtheit oder Angst vor eigenen unerwünschten Impulsen und Bedürfnissen: Sicherheit zu garantieren ist das zentrale Motiv im Leben von Menschen, die stark zu Angst neigen. Diese Sicherheit in Bezug auf Ressourcen, Beziehungen, Unversehrtheit und Seelenfrieden soll durch gedankliche und tatsächliche Aktivität zur Beeinflussung der äußeren Umstände gewährleistet werden. Selbst Kontrolle über diese Aspekte und somit das Wohlbefinden ausüben zu können, ist ein dazugehöriger wesentlicher Faktor beim Thema Angst.

Wie Angst und Mut zusammenhängen

Ein zu Ängstlichkeit neigender Mensch ist vorsichtig und behutsam, misst Sicherheit einen hohen Stellenwert bei und hat das Bedürfnis, sein Umfeld bis zu einem gewissen Grad zu kontrollieren sowie sich auf Ereignisse vorzubereiten. Unter der Annahme, eine mutige Person sei das Gegenteil davon, müsste diese also unvorsichtig und forsch handeln, wenig Fokus auf Sicherheit legen und keinerlei Bedürfnis haben, ihr Umfeld zu beeinflussen. Doch ist das so? In Wirklichkeit sprechen wir nur dann von Mut, wenn uns bewusst ist, dass wir mit unserem Handeln oder Verhalten etwas riskieren – wenn wir also von möglichen Gefahren wissen und diese intendiert in Kauf nehmen, weil uns das erreichbare Ziel als wertvoll genug erscheint, das Risiko zu wagen. Ein unvorsichtiges, sorgloses und unbedachtes Vorgehen hat im Gegenteil nichts mit Mut zu tun, sondern kann mit Unwissenheit, Naivität oder Gleichgültigkeit zusammenhängen. Mut braucht man nur, wenn man auch Angst hat. Hätte man sie nicht, bräuchte man den Mut als Überwindungskraft nicht. Ein mutiger Mensch handelt gegen seine Angst, gerade weil er damit für sich oder sein Umfeld etwas zum Positiven verändern und entsprechend Einfluss nehmen will. Eine anpassungsfähige „Go with the flow“-Attitüde, bei der man wenig planen und beeinflussen will, entspricht eher einer Haltung der Anpassungsfähigkeit und Gelassenheit bis hin zu Gleichgültigkeit.

Wie hängen Angst und Mut dann zusammen, wenn sie nicht das Gegenteil voneinander sind? Das Konzept der Minderwertigkeitsgefühle und ihrer Kompensation aus Alfred Adlers Individualpsychologie kann Aufschluss geben. Laut Adler empfindet jeder Mensch von Geburt an Gefühle der Minderwertigkeit, die – solange sie nicht alles andere dominieren – normal und sogar hilfreich sind, weil sie uns dazu antreiben, uns stetig weiterzuentwickeln. Ein Minderwertigkeitsgefühl schließt die Angst mit ein, zukünftigen Anforderungen eventuell nicht gerecht werden zu können. Wie ein kleines Kind im Gehen und Sprechen zunächst „minderwertig“ ist und alles daran setzt, diese Fähigkeiten zu erlernen, so werden wir auch als Erwachsene fortwährend von einem Wunsch nach Optimierung und Ausgleich unserer Schwächen begleitet. Genauer betrachtet ist unter dieser Prämisse jegliche herausragende Leistung das Ergebnis von wiederholtem Üben und somit Kompensieren eines einst empfundenen Mangels: Ob jemand besonders gut musizieren, schreiben oder Witze erzählen kann – er hat dem „Trainieren“ dieser Fähigkeiten besonders viel Aufmerksamkeit gewidmet, wahrscheinlich auf Basis eines starken inneren Wunsches. Einst war die Person „inkompetent“ in diesen Bereichen, und erst das bewusste und wiederholte Überwinden ihres Mangels hat zur Entwicklung von Stärken geführt.

Übertragen wir dieses Modell auf Mut, so können wir davon ausgehen, dass in jedem mutig handelnden Menschen eine sich einst ängstlich fühlende Person steckt, die schlichtweg ihren Fokus besonders auf das Überwinden ihrer Ängste gelegt hat. Wer besonders mutig handelt, dem sind in der Regel auch weiterhin die möglichen Gefahren und Risiken bewusst – er hat es sich lediglich zur Gewohnheit gemacht, sich davon nicht in seinen Handlungsoptionen einschränken zu lassen und darauf zu vertrauen, dass er einerseits über genügend eigene Fähigkeiten zur Bewältigung von Herausforderungen verfügt und andererseits die Wichtigkeit seines Vorhabens schwerer wiegt als potentielle Unsicherheit. So ist eine Sprecherin bei einem TED Talk beispielsweise nicht unbedingt völlig angstfrei, bevor sie vor Tausenden von Menschen eine Rede hält – sie legt nur eine höhere Priorität auf das Inspirieren anderer durch ihre wichtigen Inhalte. Eine Person, die Zivilcourage beweist und eingreift, wenn jemand in einer Gruppe unfair behandelt wird, denkt nicht lange über ihre Angst vor möglicher Ausgrenzung nach, sondern handelt vor allem mit dem Ziel der Verteidigung des attackierten Menschen. Egal in welchem Bereich wir mutig agieren – immer geht es darum, innere Kräfte zu mobilisieren, um vorhandene Ängste zu überwinden, was besonders gut gelingt, wenn wir ein starkes inneres Motiv dafür haben, warum sich das lohnt.

So verwandeln Sie Ihre Angst in Mut

Den beschriebenen Zusammenhang zwischen Angst und Mut als zwei Seiten einer Medaille zu verinnerlichen, ist eine erste Basis, auf der Sie aufbauen können, um öfter mutig zu agieren. Mit den folgenden Tipps können Sie gezielt darauf hinarbeiten, ein von Mut geprägtes Leben zu führen.

Finden Sie Ihre persönlichen Gründe zum Mutigsein

Ein zentraler Aspekt von beherztem Handeln ist die Tatsache, dass es etwas gibt, wofür sich der Mut und das Eingehen von Gefahren lohnt. Ohne einen solchen starken inneren Antrieb sehen wir keinen Bedarf, unsere Ängste zu überwinden und uns möglicherweise unangenehmen Situationen zu stellen. Der Spruch „Wo die Angst ist, geht der Weg lang.“ zeigt an, dass im Überwinden unserer Ängste entscheidendes Potenzial zur Persönlichkeitsentwicklung liegt. Wenn Sie also in einem bestimmten Bereich mutiger werden möchten, dann finden Sie unbedingt ein starkes „Warum?“, ein Wachstumspotenzial, das Sie innerlich motiviert. Wer beispielsweise Angst davor hat, in seinem Job Kundenpräsentationen zu halten, wird durch den im Außen verankerten Grund „Ich muss es tun, weil meine Chefin es erwartet.“ kaum mit Freude an die Aufgabe herangehen. Ein persönlicher, innerer Grund könnte hingegen lauten: „Ich möchte ohne Angst präsentieren können, weil ich dem Kunden genau zeigen möchte, was an unserer Idee so toll ist.“ oder auch einfach „Ich möchte mir selbst beweisen, dass ich mir gutes Präsentieren aneignen kann; es soll zu etwas Normalem werden.“ Gehen Sie außerdem umgekehrt vor: Identifizieren Sie Ihre persönlichen Wertvorstellungen, Träume und Ziele in Ihrem Leben und erarbeiten Sie auf dieser Basis, in welchen Bereichen Sie mutige Schritte machen und Ihre Komfortzone verlassen wollen, um Ihre Wünsche zu verwirklichen. Denn das Wichtigste ist, dass Sie sich von Ihren Ängsten nicht von dem Leben abhalten, das Sie wirklich leben wollen. Wofür lohnt sich in Ihren Augen Mut?

Trennen Sie die Angst von sich als Person

Es ist extrem wichtig, sich nicht mit der eigenen Angst zu identifizieren! Aussagen wie „Ich bin leider ein Angsthase.“ oder „Er*sie ist eben ein ängstlicher Typ.“ vermitteln uns das Bild einer festgelegten, unveränderlichen Charaktereigenschaft – ja, sogar Identitätsbeschreibung, die fest mit uns oder anderen Menschen verschmolzen ist. Erinnern Sie sich an die Perspektive von Alfred Adler: Wer in etwas besonders gut ist, ist das nicht etwa von Geburt an, sondern hat der Entwicklung seiner Fähigkeit einfach besonders viel Energie, Zeit und Übung gewidmet. Wir sind also sehr viel freier und veränderlicher in unseren Wesenszügen, als wir oft annehmen. Angstgefühle sagen erst einmal nichts über Sie als Menschen aus, sondern sind einfach ein Hinweis darauf, dass Ihr Unterbewusstes in bestimmten Situationen um Ihre Sicherheit besorgt ist und Sie warnen bzw. schützen möchte. Ihre Angst ist also eine Information oder Handlungsempfehlung, basierend auf bisher gemachten Erfahrungen oder Weltanschauungen. Auch im Moment akuter Angstempfindungen hilft es Ihnen, wenn Sie innerlich einen Schritt aus sich heraustreten und wie ein Beobachter bemerken: „Aha, mein Gehirn bzw. Körper sendet mir gerade Angst. Das ist okay und ich reagiere darauf, indem ich erst mal tief durchatme.“ Versuchen Sie außerdem, sich Ihre Angst wie ein Objekt vorzustellen, das vor Ihnen schwebt oder steht. Das hilft zusätzlich, sich innerlich davon zu trennen. Wenn Ihnen dies gelingt, können Sie ruhiger abwägen, wie Sie sich in jedem Moment verhalten wollen – auch wenn Angstgefühle existent sind.

Steigen Sie aus dem Vermeidungskreislauf aus

Stellen Sie sich folgendes Beispiel vor: Sie haben leichte Flugangst. Nachdem bei einem Flug starke Turbulenzen auftreten und Sie sich panisch fühlen, wird diese Angst stärker: Nicht nur haben Sie jetzt vor dem Fliegen mit seinen Risiken an sich Angst, sondern auch noch vor Ihrer eigenen panischen, höchst unangenehmen Reaktion. Möglicherweise fangen Sie irgendwann an, das Fliegen komplett zu vermeiden – die Angst ist vermeintlich weg, weil Sie sich der Situation einfach nicht mehr stellen. Daraus lernt Ihre Psyche wiederum, dass dies der richtige Weg ist. Als Sie schließlich beruflich fliegen müssen, scheint Ihnen dieser Schritt unüberwindbar und Sie denken, Sie würden lieber kündigen, als für den Job ein Flugzeug zu betreten … Stopp! Unterbrechen Sie unbedingt eine solche Kette von Angst, bei der Sie Ihre Reaktionen als extrem schlimm bewerten und deshalb als immer weitere Argumente vorbringen, warum Sie sich bestimmten Situationen nicht stellen können und diese unbedingt vermeiden müssen. Die Wurzel eines solchen Teufelskreises liegt immer in der (mangelnden) Akzeptanz dessen, wie wir uns mit Angst fühlen. Versuchen Sie, Ihre Einstellung zu Angstsymptomen wie Herzrasen oder Nervosität zu ändern und diese grundlegend als „nicht schlimm“ und menschlich wahrzunehmen. Neben der im letzten Punkt vorgestellten Sichtweise von Angstgefühlen als externes Objekt können Sie sie auch wie Wolken betrachten, die gerade über den Himmel – Sie selbst – ziehen, aber nicht der Himmel sind, diesen nicht „verschmutzen“ können und die Sie auch nicht festhalten müssen, sondern weiterziehen lassen können. Gelingt Ihnen dies, müssen Sie auch nach unangenehmen Erfahrungen bestimmte Situationen nicht meiden, sondern können sich ihnen wieder und wieder aussetzen. Im besten Falle bewerten Sie Ihre Angstsymptome zunehmend als weniger schlimm, was diese wiederum reduzieren oder nebensächlich werden lassen kann – ein positiver Kreislauf beginnt. Wenn Sie dabei Hilfe benötigen, kann eine Verhaltenstherapie Ihnen sehr gute Dienste leisten.

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