Blog #110 – Fortsetzung


Markus, 42, versteht seinen Chef nicht mehr: »Seit Monaten verlangt er von uns Teamleitern mit Blick auf die Distanz durch das Homeoffice, dass wir empathisch mit den Mitarbeitern umgehen. Gleichzeitig lässt er keine Gelegenheit aus, mehr Leistung zu verlangen, weil die Kennzahlen nicht stimmen. Ich frage mich, wie das gehen soll. Entweder verständnisvolle Einfühlung oder hartes Einfordern, alles andere verwirrt doch nur die Mitarbeiter, oder?«

Seine Frage kann ich sehr gut nachvollziehen. Gerade um Empathie in der Führung rankt sich ein bunter Strauß an Vorstellungen, mal mehr, mal weniger zutreffend. Dass Gefühle unser Handeln viel mehr bestimmen als unsere Ratio, ist eine Tatsache. Daher ist die Berücksichtigung emotionaler Befindlichkeiten bei der Führung essenziell. Die folgenden Punkte zeigen die Zusammenhänge.

1. Was ist Empathie?

Auf einen einfachen Nenner gebracht, bedeutet Empathie in der Führung die eigenen Mittel so zu wählen, dass Menschen sich in vertrauensvoller Verbundenheit auf die gewünschte Richtung einlassen. Dabei ist es unabdingbar, sich in die Situation und Befindlichkeit der Mitarbeiter sowohl hineinzudenken als auch einzufühlen und dies im eigenen Reden und Handeln widerzuspiegeln. Das bewirkt gegenseitiges emotionales Andocken und begünstigt einen gemeinsamen Spirit. Wie das geht, steht unten.

2. Was ist Empathie nicht?

Empathie wird von Managern oft als weichgespülte Gefühlsduselei abgetan. Doch das ist sie nicht. Je nach Situation reicht die Verhaltensbandbreite empathischer Führung von demütiger Handreichung, um Hilfe zu geben, bis zu harter Taktvorgabe, wenn ein Ruck durchs Team gehen muss. Profilierungssüchtige Ignoranz, unentschlossenes Zaudern oder es allen recht zu machen, gehören nicht dazu. Auch ist Empathie kein Tool, das berechnend eingesetzt werden könnte. Menschen spüren, wenn emotionale Zuwendung aufgesetzt ist, und entziehen dann ihr Vertrauen.

3. Einfühlung in sich selbst

Der Weg zur Empathie beginnt mit der Erkundung der eigenen Gefühls- und Wertewelt. Denn nur wer sich selbst spürt, kann auch sein Gegenüber spüren. Beobachten Sie sich selbst in unterschiedlichen Führungssituationen: Welche Gefühle haben Sie? Von welchen Werten werden diese ausgelöst? Wie reagieren Sie? Wie zieldienlich ist Ihre Reaktion für das Erreichen Ihrer Absichten?

Beispielsweise könnte es sein, dass Sie sich ärgern (Gefühl), weil einer Ihrer Mitarbeiter schon wieder eine wichtige Deadline überschritten hat. Für Sie ist es selbstverständlich, Termine ernst zu nehmen (Wert), folglich halten Sie Ihrem Mitarbeiter eine Standpauke (Reaktion). Wenn das zu mehr Verlässlichkeit führt, ist Ihre Reaktion zieldienlich. Wenn nicht, sind Sie zwar Ihrem Wertesystem gefolgt, sollten sich für die nächste Terminverfehlung jedoch eine Handlungsalternative überlegen – siehe dazu den folgenden Punkt.

4. Einfühlung in andere

In diesem Schritt geht es darum, emotional bei Ihren Mitarbeitern anzudocken. Beobachten Sie deren Äußerungen und Verhalten aufmerksam, antizipieren und erfragen Sie, wie es ihnen geht. Dann kommt der entscheidende Kniff: Würdigen Sie die emotionalen Befindlichkeiten, bleiben Sie jedoch bei Ihren Anforderungen und Zielen.

Für das vorstehende Beispiel könnte das heißen: Sie beobachten, dass Ihr Mitarbeiter herumdruckst. Sie benennen das, beispielsweise mit »Ich habe den Eindruck, dass dir die Situation unangenehm ist. Das kann ich verstehen, und es würde mir ähnlich gehen.« Damit würdigen Sie seine Befindlichkeit. Eventuell setzen Sie hinzu: »Ganz offen, die wiederholte Terminüberschreitung ärgert mich.« Damit machen Sie Ihr eigenes Gefühl transparent, greifen jedoch Ihren Mitarbeiter nicht an. Dann gehen Sie zur Lösung über: »Was kannst du tun, damit du beim nächsten Mal pünktlich lieferst?« Damit richten Sie den Blick nach vorn und bekommen zudem Einblick in das Denken Ihres Mitarbeiters.

5. Empathie wirkt

Machen Sie sich bewusst, dass es kaum ein stärkeres Führungselement gibt als Empathie. Gleichzeitig ist es fragil, denn emotionale Anbindung und Vertrauen sind schnell verspielt. Um das zu vermeiden, ist ein durchgängig unverfälschtes Verhalten von Ihrer Seite elementar. Fehl am Platz wären Süffisanz, Ironie, Undurchschaubarkeit, geteilte Aufmerksamkeit, Diskrepanzen zu Ihrer Körpersprache. Ob Sie Ihr Team verständnisvoll unterstützen oder bestimmte Verhaltensweisen vehement einfordern: Empathie bedeutet, authentisch zu verkörpern, was Ihre Mitarbeiter emotional brauchen, um ihre beste Leistung abzurufen. Solange Ihnen das gelingt, brauchen Sie weder ein Samthandschuh-Abo noch werden Sie Verwirrung hervorrufen. Ich drücke Ihnen die Daumen für Ihren Weg zu empathischer Führung

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