Blog #123 – Fortsetzung


In den letzten Jahren fand ein regelrechtes Wettrüsten inmitten des War for Talents statt: Fast jede Tätigkeit wird mit einem „Manager*in“ im Titel garniert. Wirkt das nicht ein wenig aus der Zeit gefallen, gerade in der neuen Arbeitswelt, die ohne Hierarchien auskommen mag und auf Wertschätzung basiert?

Selbst Startups mit überschaubarem Personaltableau und begrenzten Mitteln für Gehälter machen jede*n zu einem Head of Irgendwas. Wächst das Team, muss der oder die Chef*in von den ganzen Head of Irgendwas mindestens ein Director of Irgendwas sein. Wer will schon „nur“ noch Marketing Manager*in sein? Die Lage ist kompliziert.

Titel als Ausdruck von Hierarchien

Titel können intern Barrieren schaffen – gerade da, wo auf Hierarchien verzichtet werden soll, stehen sie oft im Weg. Titel sind oft nur eine Umschreibung für Hackordnungen. Chief XY lässt nunmal auf mehr Erfahrung schließen als Junior XY. Überhaupt: Wer entscheidet über Beförderungen? Und: Wenn jemand zum Senior oder Director ernannt wird, ist er oder sie dem Chief dann am engsten verbunden oder dem Unternehmen am längsten treu? Das System hat seine Tücken.

Die Frage „Mit wem spreche ich und wie viel Erfahrung hat diese Person in Bereich XY?“ lässt sich einfacher mit Titeln beantworten. Daher müssen die fehlenden Titel intern durch eine andere Möglichkeit ersetzt werden, mit der die Mitarbeitenden genauer eingeschätzt werden können.

Titel sind Türöffner

Titel schaffen Realität. Das wusste schon Mark Zuckerberg zu nutzen, der erst seit der „I’m CEO, bitch“-Ansage auf seiner Visitenkarte von den Investor*innen wirklich ernst genommen wurde. Titel schaffen also Sichtbarkeit. Sie können darüber hinaus aber auch eine gewisse Wichtigkeit suggerieren, wie das Beispiel von Mark Zuckerberg zeigt. Titel sind auch Eintrittskarten, die Türen öffnen können. Oft werden Entscheidungen, welche Person kontaktiert wird, basierend auf ihrem Titel getroffen. Wenn jemand in einem Unternehmen zum Beispiel mit einem oder einer Expert*in oder Entscheider*in aus dem Marketing sprechen möchte, wird die Person nicht die Zeit haben, vorab alle Lebensläufe durchzugehen.

Stattdessen wird der Job-Titel der (Online-)Visitenkarte herangezogen. Senior Marketing Manager*in? Klingt vielversprechend und weckt das Gefühl, eine*n Experte*in gefunden zu haben. Chief Marketing Officer? Klingt noch besser und übertrifft den Senior Marketing Manager*in in Sachen Wichtigkeit und vielleicht auch Expertise – vermutlich jedenfalls.

Titel schaffen nach wie vor nach außen hin eine gewisse Wichtigkeit. Sich diesem Mechanismus allein bewusst zu werden, kann in einigen Situation von Vorteil sein. Menschen achten eben auf die Titel anderer. Jahrzehntelang Gelerntes und auf Papier (der Visitenkarte) Verankertes ist nicht so einfach aus den Köpfen herauszubekommen.

Titel verlieren ihren Zweck

Titel sollten anderen Menschen anzeigen, in welchem Bereich die eigene Expertise liegt. Sie sollten dem Gegenüber schnell bei der Einordnung helfen. Ähnlich wie Marken: Sie umschreiben mit dem Markenversprechen etwas, das anders schwer auszudrücken wäre. Titel (und Marken) schaffen in unseren Köpfen Konnotationen und damit in gewisser Weise kognitive Abkürzungen. Sie sind Wegweiser, der uns von zeitaufwendigen Überprüfungen, ob jemand oder etwas unser Vertrauen verdient, entlasten sollte.

Diese Funktionen der Titel funktionierten jedoch nur solange, wie Titel untereinander noch vergleichbar bleiben. Attention Manager*in beispielsweise mag einen Impuls zu einem Gespräch liefern und für Aufmerksamkeit sorgen, ist aber für das Gegenüber keine Abkürzung für den schnellen Erkenntnisgewinn.

Mittlerweile sind wir an einem Punkt, an dem der Durchblick und vor allem die Vergleichbarkeit auf der Strecke bleiben. Kompetenz wird durch wohlklingende Titel oft schön geredet oder gemogelt. Von Chief-Irgendwas zu Director of First Impressions zu Happiness Manager*in und Co. – es ist schwer, anhand des Titels auf den ersten Blick zu verstehen, welche Kompetenzen die Person mitbringt. Oder was sie beruflich macht. Es fehlt ein einheitlicher (Kompetenz-)Rahmen, ein Maßstab. Auch die klassischen Titel waren nicht immer auf den Punkt vergleichbar, aber zumindest klangen Bezeichnungen überall ähnlich – und ließen ungefähre Vergleiche zu.

Nicht von Titeln blenden lassen

Vielleicht braucht die Wirtschaft nach diesem Titel-Chaos ein ganz neues System, an dem Kompetenz gemessen und festgemacht wird. Vielleicht sollten wir uns beispielsweise an der Wissenschaft – in der Veröffentlichungen in namhaften Journals und vor allem auch die Häufigkeit der Zitierung zählen – orientieren? Und uns damit wieder über tatsächlich geleistete Arbeit auszeichnen? So reizend dieser Gedanke zunächst auch klingt: Auch das System der Wissenschaft wird manipuliert. Sobald ein System durchdacht ist, kann es für eigene Zwecke missbraucht werden.

Vielleicht sollte komplett auf Titel verzichtet werden? Wir könnten stattdessen auf gegenseitiges Vertrauen und Wertschätzung setzen. Ganz im Sinne von New Work. Wir sollten uns jedenfalls mehr schätzen lernen – für das, was tatsächlich geleistet wird und für das, was den Mitmenschen ausmacht. Wir sollten uns nicht von Titeln blenden lassen. Dafür müssten wir aber wohl oder übel im Miteinander auf Abkürzungen und Titel verzichten und stattdessen mehr Zeit investieren, um gemeinsames Vertrauen zu schaffen.

Kompetenz statt Titel

Hinter einem Senior Vice President Marketing EMEA des kleinen Startups steckt letztlich nur die Sehnsucht nach mehr Aufmerksamkeit und Anerkennung von den „Großen“, nämlich den Konzernen. Das hat die Startup-Szene nicht nötig – zumal sie doch anders sein möchte. Startups sollten deshalb aufhören, mit Titeln um sich zu werfen als wären diese Konfetti. Auch des Kaisers neue (Titel)Kleider werden schnell enttarnt – und dann wird es unangenehm. Nicht nur die Produkte von Startups müssen inhaltlich überzeugen – ihre Mitarbeitenden sollten und müssen es auch tun.

Eine klare Antwort auf die Frage, wie es im Titelkampf weiter geht, habe ich an dieser Stelle (noch) nicht. Es wird eine Lernreise für alle sein, sich entweder im Dschungel der Abkürzungen zurechtzufinden – oder eben alternative Wege einzuschlagen. Wer eine zukunftsfähige Lösung gefunden haben sollte, melde sich gern bei mir.

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