Blog #XXX – Fortsetzung


Immer auf der Überholspur – Full-Time-Job – viele Entscheidungen… Das berühmte „Karussell“ drehte sich immer schneller… Wiedereinmal… Es musste sich was ändern…

Nachdem ich „Willpower“ von Roy Baumeister und John Tierney gelesen hatte, war ich der festen Überzeugung, dass mein Problem darin bestand, dass ich entscheidungsmüde war. Meine To-do-Liste war endlos.

„Ich konzentriere mich auf …“

Aus reiner Verzweiflung schrieb ich einige Punkte der Liste, auf die ich mich an einem Tag konzentrieren wollte, auf Karteikarten. Der Satz „Ich konzentriere mich auf …“ half mir dabei, einige machbare Punkte aus den unzähligen „Ich könnte“ und „Ich sollte“ auf der Liste herauszusieben.

Die Übung unterstützte mich dabei, den trüben Nebel aus „Was sollte ich als Nächstes tun?“ etwas zu lichten und große Projekte auf kleinere Aufgaben herunterzubrechen. Aus einer Deadline für einen Auftrag wurde „Schreibe 500 Wörter“ und aus meiner fehlenden Fitnessroutine wurde „Gehe in der Mittagspause für zehn Minuten an die frische Luft“.

Ich kaufte die Karteikarten günstig im Paket zu 100 Stück und war mächtig stolz, wenn ich den Stapel aufgebraucht hatte. Die Übung half mir dabei, Entscheidungen zu treffen, aber der Rest meines Lebens war immer noch von negativen Gedanken geprägt. In den folgenden Monaten las ich Studien zu dem Thema und kam zu dem Schluss, dass es nicht meine Schuld war.

Unser Gehirn enthält im limbischen System die etwa mandelgroße Amygdala. Diese sondert rund um die Uhr Hormone ab, die unsere Kampf- oder Fluchtreaktion steuern. Wir sind evolutionsbiologisch so geprägt, dass wir uns auf schlechte, traurige oder umstrittene Nachrichten fokussieren. Deshalb werden wir zu Gaffern auf der Autobahn, suchen gezielt nach negativen Onlinebewertungen und finden immer zuerst die eine Frage, die wir im Mathetest falsch beantwortet haben.

Unsere Amygdala ist sehr gut darin, Probleme zu suchen, zu finden und zu lösen, aber sie neigt auch dazu, ausgenutzt zu werden. Nachrichten und soziale Medien sind die perfekte bittersüße Mischung, die unsere größtmögliche Aufmerksamkeit garantiert. Ich beschloss, dass es nicht meine Schuld war, dass ich so negativ war – die Welt war schuld. Aber ich lebe nun einmal in dieser Welt. So versuchte ich herauszufinden, wie sich damit umgehen lässt. In einer Studie wurden zwei Gruppen verglichen. Die Teilnehmer aus der ersten Gruppe schrieben regelmäßig auf, wofür sie dankbar waren. Die anderen sollten dagegen ihre Probleme und Störungen benennen. Ich lernte aus den Ergebnissen: Wenn ich zehn Wochen lang jede Woche aufschrieb, wofür ich dankbar war, würde ich nicht nur glücklicher, sondern auch gesünder leben.

„Ich bin dankbar für …“

Für jeden Tag ergänzte ich deshalb auf meiner Karteikarte: „Ich bin dankbar für …“ Machen Sie Bizepstraining? Übungen für den Muskelaufbau am Bein? Ich habe angefangen, die Dankbarkeitsübungen als Muskelaufbau fürs Gehirn zu sehen. Wichtig ist, dass sie so konkret wie möglich sind. Wenn ich nur „… meine Wohnung, meine Mutter, meinen Job“ aufschrieb, brachte mir das nichts. Besser war: „… wie der Sonnenuntergang hinter dem Hotel auf der anderen Straßenseite heute aussah“ oder „… als meine Mutter übrig gebliebenes Essen vorbeibrachte“ oder „… Mittagessen mit Agostino in der Kantine heute“.

„Ich werde loslassen …“

Ich war stolz auf meine neue Morgenroutine mit der Karteikarte, aber ich fühlte mich immer noch gestresst. Eine Studie in der Zeitschrift „Science“ mit dem Titel „Don’t Look Back in Anger“ half mir schließlich. Sie besagt Folgendes: Je weniger wir bedauern, desto zufriedener werden wir mit dem Alter. Und: Wenn wir mit anderen teilen, was uns beunruhigt, werden wir es leichter los. Ich ergänzte also auf meiner täglichen Karteikarte: „Ich werde loslassen …“

Loslassen werde ich „… die unfreundliche E-Mail, die ich gestern Abend um 23 Uhr verschickt habe“, „… das Meeting mit meinem Chef, das ich völlig vergessen hatte“ und „… dass ich meine Eltern seit zwei Wochen nicht mehr angerufen habe“. Diese kleine Übung hat mein Leben nachhaltig verändert. Wir sind täglich im Schnitt nur ungefähr 1000 Minuten wach. Wenn wir gerade einmal zwei Minuten davon darauf verwenden, unserem Gehirn zum positiven Denken zu verhelfen, dann werden wir die restlichen 998 Minuten zufriedener sein.

Mit der Zeit änderte ich die Reihenfolge auf der Karteikarte, machte daraus ein Tagebuch und legte es auf meinen Nachttisch. Es ist das Erste, was ich morgens nach dem Aufwachen sehe. Und weil es so kurz und übersichtlich ist, lässt es mich erfolgreich in den Tag starten.

Bin ich komplett geheilt? Und immer glücklich? Natürlich nicht. Aber diese kleine Zwei-Minuten-Übung am Morgen hat meine Tage wesentlich verbessert. Und ich hoffe, dass auch Sie davon profitieren.

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