Philosophie – Details

Führen ist kein Sprint sondern ein Marathon

Gerrit Bisping

Führen bzw. Management und Langstreckensport sind vergleichbarer, als es auf den ersten Moment erscheint – gemäß meiner Vorliebe für den Motorsport spreche ich bei Langstreckensport immer von LangstreckenMOTORsport – obwohl ich in den letzten Jahren auch das physische Laufen begonnen habe –

Rückblickend betrachtet, kann ich immer gute Vergleiche zwischen dem Motorsport und dem Management ziehen, aber mal der Reihe nach…

Als kleiner Junge durfte ich hautnah erleben, wie es sich anfühlt, „Geld in Motorensound“ umzuwandeln – ich war vielleicht 5 oder 6 Jahre alt, habe mir über die Hintergründe keine Gedanken gemacht und die Zeit an diversen Rennstrecken einfach nur genossen – welche „Unsummen“ an Geld Papa´s Hobby verschlungen hat, ist heute nicht mehr nachvollziehbar – aber jeder, der sich an diese Zeit erinnert, bekommt heute noch Gänsehaut und ich habe in vielen Gesprächen in den letzten Jahren herausgehört, was für ein Teamplayer mein Vater während dieser Zeit war.

Irgendwann Ende der siebziger Jahre war Schluss mit den Motorsportwochenenden – ich glaube auch, das Thema wurde als „Hobby“ zu teuer – und der Motorsport fand in der Folgezeit nur noch vor dem Fernseher statt -> Ayrton Senna wurde für mich unbewusst zu einem Symbol der Eigenmotivation und ich bin nach wie vor der Meinung, dass er der erste erfolgreiche Rennfahrer war, der sich durch mentales Training auf viele Situationen vorbereitet hat (the harder I push, the more I find within myself oder „I believe that we start to see our true personalities when we go through the most difficult moments. This is when we get stronger) Leider ist Ayrton Senna viel zu früh von uns gegangen. Er ist einer der Wegbereiter in der Königsklasse des Motorsports gewesen, wenn es um mehr Sicherheit auf und an der Rennstrecke ging. Ich werde den 1. Mai 1994 nie vergessen, als ich von der Nachricht seines Todes erfahren habe.

Mit meinem 18. Geburtstag und dem Führerschein nebst Auto wurde die „Entfernung“ zum Nürburgring auch wieder etwas kürzer. Zwei Jahre zuvor hatte ich das Vergnügen, eine Runde auf der Nordschleife des Nürburgrings auf dem Beifahrersitz eines Ferrari 308 GTB mitzuerleben – und das mit einem Profi hinter dem Lenkrad. Wo jeder andere zitternd und schreiend im Sitz verbracht hätte, legte diese Runde bei mir den Hebel um. Daher: ziemlich bald nach meinem 18. Geburtstag fand ich mich mit meinem VW Golf auf der Nordschleife wieder…

Was folgte, waren viele Runden auf diversen VW´s im Rahmen der öffentlichen Touristenfahrten und in der zweiten Hälfte der 90er stand dann auf einmal eine Nachwuchssichtung im Raum. Was als Spaß geplant war (viele Runden auf der Nordschleife – kein Touristenverkehr) stellte sich dann im Tagesverlauf als „ernstzunehmende Alternative“ dar.

Was ich aus der ganzen Sache gelernt habe:

…was nützt mir das PS-stärkste Auto, wenn ich die Kraft nicht richtig einsetzen kann?

…viele Dinge nicht so verbissen sehen – mit einer entspannten Herangehensweise komme ich effizienter an mein Ziel

…meine Ressourcen nicht in den ersten Metern „vor die Wand“ fahren, man muss es auch über die Distanz bringen (dazu aber weiter unten im Text mehr)

Was geblieben ist: meine Liebe zum Nürburgring und zur Langstrecke – schnell fand ich heraus, dass die VLN zum Zuschauen die beste Breitensportserie ist – man bewegt sich fast den gesamten Samstag an der Strecke, bekommt hautnahe Einblicke in das Fahrerlager und hat wirklich das Gefühl, mittendrin zu sein.

In dieser Zeit entwickelte sich auch der Kontakt zu Dieter Gartmann  – von ihm habe ich viele Anekdoten aus der wilden DRM-Zeit der 70er erfahren, aber auch hier wieder festgestellt: gutes Material und entsprechende Vorbereitung sind schon mehr als die halbe Miete auf dem Weg zum Sieg. Um es mal kurz zusammenzufassen: Dieter Gartmann war ein Amateur-Rennfahrer und hat bei 250 Starts 130 Siege eingefahren – darunter 1981 und 1982 in direkter Folge zwei Mal das 24-Stunden-Rennen auf dem Nürburgring.

Das hat mir erneut gezeigt, dass nur der richtige Ressourceneinsatz langfristig zum Erfolg führen kann und die Verantwortung liegt zwar wahrhaftig in den Händen des Rennfahrers – aber ohne Unterstützung seiner Mannschaft, kann er einen Langstreckeneinsatz nicht gewinnen.

Die Jahre zogen ins Land, es kribbelte in meinen Fingern, wieder etwas sportlicher unterwegs zu sein und ich setzte auf einen gut-motorisierten Spanier, der mich die folgenden Jahre begleiten sollte. Es kam, wie es kommen musste, die Gelegenheit einer freien Runde während der Touristenfahrten war da, und damit ging es nach 17 Jahren wieder aktiv auf die Nordschleife. Mit der Erkenntnis, dass es nach wie vor funktioniert, wagte ich mich dann 2018 an meinen ersten Trackday auf den Bilster Berg. Hier kam sehr schnell die Erkenntnis, dass ich mit Abstand das schwächste Fahrzeug im Feld war, aber wenn ich die Reifen nicht schon in der ersten Runde (4,2 Kilometer Streckenlänge) „überfahre“, dann kann ich mich Runde für Runde steigern und mein Limit Stück für Stück ausloten.

„überfahrener“ Reifen und „pick-up“

Um für mich „im Kopf“ die damals ausgeschlagene Nachwuchssichtung abzuschließen, habe ich mich 2019 entschlossen, die nationale A-Lizenz zu absolvieren – gesagt, getan und in Mendig angemeldet. Vorbereitung war mit viel Theorie verbunden, die aber durchaus machbar ist.

Wer jetzt denkt: „ach, die fahren da so ein klein wenig im Kreis herum und die ersten zehn Fahrer erhalten dann die Lizenz“, der täuscht sich gewaltig… Der Tag in Mendig bestand aus 50% Theorie inkl. schriftlicher Prüfung und danach kann man es so zusammenfassen: „Wir gehen jetzt mal praktisch den kompletten Tagesablauf eines Renntages durch, von der Fahrerbesprechung über die Startaufstellung bis zur Zielflagge“ – wer da in der Theorie nicht aufgepasst hat, wurde ganz schnell aussortiert.

Teilnahmepflicht an der Fahrerbesprechung war schon mal der erste Punkt. Da gab es keinen weiteren Aufruf mehr – wer um 15:45 Uhr nicht bei der Besprechung war, durfte direkt nach Hause fahren (ohne bestandene Prüfung!). Genauso verhielt es sich mit der Startaufstellung. „Ich starte aus Reihe 12, vor mir steht die Startnummer 36, recht von mir die Nummer 37“. Das ist bei der Startaufstellung noch nachvollziehbar – spätestens beim fliegenden Start, wenn zwei Kurven vor der Start/Ziel-Gerade das Schild „Grid“ hochgehalten wird und man sich in seiner Startposition wiederfinden muss, merkt man ganz schnell, wer aufgepasst hat und wer nicht. Und da ist man dann wirklich auf sich alleine gestellt (maximal mit seinem Teamchef über Funk verbunden). Nur eines ist mal klar: in den paar Sekunden muss alles stimmen und ehe man sich versieht, schaltet die Startampel auf GRÜN und das Feld ist freigegeben.

Startaufstellung zur Abschlussprüfung

Auch hier wieder: Auf der Rennstrecke ist man auf sich alleingestellt – man muss eins werden mit seinem Auto – in das Auto hineinhören und ganz wichtig: das Material nicht „überfahren“ – auch muss man die langen Geraden einer Strecke immer wieder zu Regenerationspausen nutzen. Die „schnellen Runden“ in Mendig, waren bislang meine einzigen Runden, die „wettbewerbsähnlich“ waren – man passte zwar auf, Fehler zu vermeiden, aber es ging jeder Teilnehmer an sein Limit bzw. auch manchmal darüber hinaus – auf Details will ich gar nicht näher eingehen.

Für mich wieder ein paar Erkenntnisse:

auch wenn es sich um einen kurzen Flugplatzkurs handelt, ein geplanter Einsatz der vorhandenen Ressourcen spiegelt sich ganz schnell in der Rundenzeit wieder! „Überfahre“ ich die Reifen, fangen sie an zu schmieren – hier immer wieder Phasen der Regeneration einbauen!

„Geradeaus schnell“ und in den „Kurven schnell“ sind zwei grundverschiedene Dinge – soll heißen: wenn es unkompliziert läuft, ist ein zügiges Vorankommen überhaupt kein Problem – kniffelig wird es dann, wenn Hindernisse und/oder Schikanen den Vorwärtsdrang bremsen

es gibt Regeln und die gilt es, einzuhalten – wer unfair spielt oder sich nicht an die Regeln hält, hat in meinem Team nichts zu suchen (das habe ich auch in der jüngsten Vergangenheit so gehandhabt – und das hat mein Leben einfacher gemacht!)

Zeiten der Regeneration / Selbstreflektion gehören immer wieder zum Alltag dazu – diese Lücken muss man finden und den Zeitraum dafür auch bewusst einbauen.

auch wenn der Satz nicht von mir stammt: „if You want to finish first, first You have to finish!“ – nicht nur vom sicheren Sieg sprechen, sondern das Ergebnis am Ende auch einfahren…

das rot-weiße „N“ – im harten Einsatz auf der Rennstrecke

Ich habe noch eine Ergänzung, Michael Frison (Betreiber von www.renn.tv) besser bekannt als Schöpfer des rot-weißen „N“, hat diesen Artikel bei LinkedIn kommentiert: „Im Rennsport erlebt man aktionsgeladen und mit Spaß das, was ein gutes Team und Erfolg ausmacht.“ Meinen Text hat bei Mike aber noch andere Gedanken wachgerufen… „denn das Forum, das uns alle so intensiv begleitet hat, gibt es nur noch als Erinnerung. Und damit eine weitere Lektion zu lernen: Vergangenes bewältigen, loslassen und ballastfrei zu neuen Ufern aufbrechen!“

„…schlechtem Geld nicht gutes Geld hinterherwerfen.“

Michael Frison

Wenn Sie jetzt noch tiefer in die Materie einsteigen möchten: www.ring4ever.com

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